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„Ich würde es genauso wieder tun!“

Wie man auf so eine verrückte Idee kommen kann, seine Praxis nach Gemeinwohlkriterien auszurichten, und welche Vor- und Nachteile die Symbiose aus Wirtschaft und Ethik mit sich bringt, beantwortet Dr. Matthias Eigenbrodt im Interview.

Was hat Sie motiviert, für Ihre Praxis eine GWÖ (Gemeinwohl-Ökonomie)-Bilanz zu erstellen? 

Dr. Matthias Eigenbrodt: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wünschen sich 89 Prozent der Menschen in Deutschland wie ich ein neues Wirtschaftssystem. Die GWÖ ist ein Modell, das ich persönlich für das durchdachteste und sinnvollste Konzept hierzu halte. 

Am meisten motiviert hat mich aber diese Aussage aus dem Neuen Testament: „Ich sage euch: Verschafft euch Freunde mit dem Mammon, dem Geld, das zur Ungerechtigkeit verleitet.“ Dies ist an mich als Unternehmer gerichtet: Handle so, dass der Gewinn nicht nur ein paar Wenigen zugutekommt, sondern dass er dem Wohl aller dient.

Was bedeutet es konkret für die Praxis, wenn man sich einer GWÖ-Untersuchung unterzieht?

Die GWÖ-Bilanzierung bedeutet nicht nur relativ viel Arbeit, sondern auch eine Standortbestimmung. Wo stehen wir als Praxis und als Team? Wo gibt es noch Luft nach oben? Meine Überzeugung ist, dass die GWÖ-Ausrichtung in einer Zahnarztpraxis uns allen helfen könnte, das manchmal schlechte Image eines monetär motivierten Zahnarztes positiv zu verändern.

Dr. Matthias Eigenbrodt, Zahnarzt & MSc. International Health, ist niedergelassen in Berlin-Kreuzberg. |©Klaus Fehling

Was sind die Vorteile der Umstellung? Die Nachteile? 

Vorteil: Im Zuge der Umstellung habe ich – im Sinne der GWÖ – meine Arbeitszeit auf eine 4-Tage-Woche reduziert. Das war aber nur durch die Einstellung einer Kollegin möglich. Die gewonnene Zeit für Familie, Freunde und Hobbys möchte ich nicht mehr missen. Mehr Kraft und Motivation für die Arbeit ist auch eine Folge der Umstellung.

Der Nachteil: Man braucht Zeit, um für die Bilanz die Praxisstruktur zu durchleuchten. Zudem: Weniger arbeiten und seine Mitarbeiter besser bezahlen, bedeutet weniger Gewinn. Ob das ein Nachteil ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. 

Wie wirkt sich die Umstellung betriebswirtschaftlich auf die Praxis aus?

Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen, nicht der Profit. Das ist leichter gesagt als getan. Auch ich stehe, wie alle Zahnärzte, unter dem Druck von Umsatzzielen und Minutenpreisen. In diesem Umfeld Leistungen zu erbringen wie etwa Beratungen, die nicht entsprechend honoriert werden, oder den Mitarbeitern echte Wertschätzung zu geben, bleibt eine Herausforderung. Jedes Mal, wenn ich unseren Quartalsbericht und Controlling-Report bekomme, moniert mein Steuerberater, dass wir zehn Prozent mehr Personalkosten haben als vergleichbare Praxen in Deutschland. In der Tat sind Löhne die höchsten Abweichungen nach oben im Benchmark. Das sind mir meine Mitarbeiter aber auch wert. Aber die Gefahr bleibt, dass man nicht mehr alle Rechnungen bezahlen kann, wenn die Kosten ausufern.

Welchen Anteil hat das Praxisteam an der Umstellung? 

Der Anteil des Praxisteams ist nicht zu unterschätzen. Meine Mitarbeiterinnen haben immer wieder Ideen für einen positiven Veränderungsprozess. Es macht Spaß, mit meinem Team zu überlegen, wie wir noch besser werden können. Das tun wir nicht nur in wöchentlichen Teamsitzungen, sondern auch an Klausur-Wochenenden, wo wir uns mal mehr Zeit nehmen.

Aus heutiger Sicht würde ich ... 

… es genauso wieder machen. 

Die Fragen stellte Stefan Grande.

Quelle: ZM-Online.de